Buchtipps für den Pride-Sommer und darüber hinaus

Buchtipps für den Pride-Sommer und darüber hinaus

Anlässlich des Pride Month möchten wir euch den Sommer mit einigen queeren Buchtips versüßen. Unsere Autor*innen haben sich ins Zeug gelegt, und ihre Bücherregale nach queerer Lektüre durchstöbert.

Kim de l’Horizon: »Blutbuch«

Von Ronja Kunz

»Blutbuch« von Kim de l‘Horizon ist das erste Buch eines*r nicht binären Autor*in, das den Deutschen Buchpreis erhält. Dies geschieht im Herbst 2022 – danach war es kaum noch irgendwo erhältlich, man musste vorbestellen, auf das Drucken neuer Auflagen warten. Wer den Buchpreis gewinnt, steht danach im Rampenlicht – Menschen lesen plötzlich dein Buch, zu dem sie sonst nie gegriffen hätten.

Die Vorstellung macht mir Mut, dass eine queere Geschichte in den Mittelpunkt deutscher Literatur gerät. Dass unterschiedlichste Menschen mit queeren Geschichten in Berührung kommen. Dass diese Geschichte mit dazu beiträgt Unverständnis abzubauen.

So hoch nun der Anspruch an dieses Buch.

Das Buch ist eine Autofiktion, die*der Protagonist*in besitzt Ähnlichkeiten mit der*dem Autor*in. Beide sind nicht-binär und tragen den Namen »Kim«. Tatsächlich habe ich etwas länger gebraucht, in die Handlung hineinzukommen. Das erste Drittel behandelt hauptsächlich die Kindheit der Erzählfigur Kim und ihr Verhältnis zu weiblichen Erziehungspersonen. Die Beschreibungen der kindlichen Wahrnehmungen und Ängste haben etwas von kafkaesken Träumen, die Blutbuche im Garten der Oma ist einer der zentralen Bezugspunkte, zu denen immer wieder zurückgekehrt wird. Die Erzählung hat zu Beginn etwas Phantastisches, Abstraktes, in dem es mir zunächst schwerfiel, einen roten Faden zu entdecken. Die Verwirrung und das Unverständnis lösen sich im Laufe des Buches allerdings auf, das Springen zwischen Gegenwart und Erinnerung wird verständlicher. Der Ideen- und Schreibprozess von de l‘Horizon ist Teil der Erzählung, they lässt die Leser*innen an der Entwicklung teilhaben. Immer wieder wird die Familienhistorie vom gegenwärtigen Alltag unterbrochen: den Besuchen im Altersheim oder spontanen Hook-ups in den Straßen Berns. Neben Persönlichem schafft de l‘Horizon es marxistische Theorie à la Silvia Federici in die Erzählung einfließen zu lassen, lässt uns an der botanischen Recherche zur Blutbuche teilhaben.

De l‘Horizons Buch schafft es, viele Facetten aufzumachen, sei es der Abschiedsprozess mit der Großmutter, exzessives Datingverhalten, Freund*innenschaft oder der Weg der Literaturrecherche, von denen ich nicht erwartet hätte, sie alle zusammen in einer Geschichte vorzufinden. Es mag nicht immer die nachempfindbarste Perspektive sein, bei der alle nicht binären Personen aufschreien und sagen: »So, genauso fühlen wir uns!« Aber das muss diese Geschichte auch nicht leisten. Es spiegelt eine Perspektive wider – eine unserer Geschichten, und ich bin mir sicher, dass das nur der Anfang war. Dass nicht binäre Geschichten zukünftig größere Teile des Diskurses einnehmen werden, dass »Blutbuch« den Beginn facettenreicher queerer Geschichten darstellt, die ihren Weg in die Mainstream-Kultur finden.

Und es ist ein guter Start. 

Sarah Hall: »Töchter des Nordens«

Von Sally Ehlers

Sarah Halls Roman »Töchter des Nordens« spielt in einem durch Klima- und Wirtschaftskrise verkommenen totalitären England der nahen Zukunft. Die Protagonistin lebt mit ihrem Ehemann in einer der staatlichen Gemeinschaftsunterkünfte, arbeitet in der örtlichen Fabrik und führt ein tristes Leben, das von staatlichen Kontrollen, Repression, Essensrationierungen und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Eines Tages beschließt sie, ihrer Situation zu entkommen und bricht zu einer berüchtigten Frauenkommune in den Bergen von Cumbria im Norden Englands auf.

Die Kommune erscheint zunächst wie ein Hoffnungsschimmer in einer aussichtslosen Zukunft. Hier leben Frauen unterschiedlichsten Alters und Herkunft in enger Gemeinschaft zusammen, die scheinbar eine Möglichkeit gefunden haben, dem Unterdrückungsregime zu entkommen und ein selbstbestimmtes Leben in Unabhängigkeit von Männern zu führen.

Doch anstatt einer Oase der Freiheit entpuppt sich die Kommune bald als Ort des militärischen Drills und der Gewalt. Die Frauen werden in ein gnadenloses Training eingebunden, um sich auf einen bevorstehenden Aufstand vorzubereiten. Die einstige Hoffnung schlägt in Misstrauen und Angst um. Die Protagonistin findet sich in einer inneren Zerrissenheit wieder und sieht sich mit moralischen Dilemmata konfrontiert, die sie zunehmend zwingen, ihre Rolle in der Kommune zu hinterfragen.

In »Töchter des Nordens« geht es um den Kampf um Selbstbestimmung, die Suche nach Hoffnung in einer dystopischen Welt und die inneren Konflikte, die der Widerstandskampf mit sich bringt.

Bernadine Evaristo: »Girl, Woman, Other«

Von Ronja Kunz

»Girl, Woman, Other« oder der etwas weirdere deutsche Titel »Mädchen, Frau etc.« ist ein Roman der britischen Autorin Bernadine Evaristo aus dem Jahr 2019. Wie der Titel schon verrät, spielen mehrere Personen in der Erzählung eine Rolle, es gibt nicht nur den einen Hauptcharakter. Tatsächlich werden Lebensabschnitte von insgesamt zwölf Personen beleuchtet, von denen immer jeweils drei zu einem Kapitel zusammengefasst sind. Diese drei stehen in einer Verbindung zueinander, sind beispielsweise verwandt oder Freund*innen. So schafft Evaristo sowohl eine Innenansicht der einzelnen Charaktere sowie eine Sicht durch andere, was die Vielfalt möglicher Perspektiven hervorhebt. Porträtiert werden (überwiegend) weibliche gelesene Personen jeglichen Alters sowie Lebensentwürfen. So beginnt die Geschichte mit einer linken, lesbischen Theaterregisseurin, dreht sich nebenbei auch um ihre Tochter, die ihr die Relevanz heutiger queerer Diskurse klarzumachen versucht, und handelt ebenfalls ihre beste Freundin ab, die zeitweise an eine enorm toxische esoterische Partnerin gerät. Bürgerliches Leben wird durch die Geschichte einer Lehrerin und einer Bankerin Londons in all seinen Facetten ausgeführt. Evaristo nimmt mit einigen Erzählsträngen historische Entwicklungen in den Blick: Was haben Flucht, Einwanderungen und Weltkriege für einen Einfluss auf nachfolgende Generationen? So wird das Leben einer aus Nigeria geflüchteten Mutter, ebenso wie das Schicksal von Frauen im landwirtschaftlichen England des 20. Jahrhundert dargestellt. Eine Frage der Identität wird dadurch aufgeworfen, kommt aber genauso bei Elternschaft und geschlechtlicher Identität zu Wort. Immer wieder kommen Kindersterben, Adoption oder ungewollte Schwangerschaft zur Sprache. Einer der letzten Erzählstränge gehört Morgan, einer nicht binären trans* Person, die als einzige ihrer Familie die 93-jährige Großmutter wertschätzt.

Evaristos Figuren sind viel. Sie vereinen enorm viele Lebensentwürfe: Geplantes und Gelungenes, sowie Fehlentscheidungen und Scheitern. Manche Figuren lernt man lieben, mit anderen versteht man sich bis zum Ende nicht. Aber sie haben etwas gemeinsam: Sie sind alle schwarz und von der Welt als weiblich eingestuft. Damit gibt die Autorin jenen einen Raum, deren Geschichten und ganze Vielfalt oft ignoriert und negiert werden. Und trotz dieser geballten Ladung an Diversität wird es nicht wirr und unübersichtlich. Alle Geschichten führen am Ende mit einem roten Faden zusammen und haben mich sehr glücklich zurückgelassen.

Gore Vidal: »Geschlossener Kreis«

Von Maxi Kisters

Die traurige Coming-Out-Story, in der der Protagonist erst Probleme hat, sich selbst zu akzeptieren, und dann Jahre lang mit seiner Homosexualität kämpft bis er sich endlich akzeptieren kann, ist so kitschig und langweilig, wie sie aktuell und wichtig ist. 1948 war es schließlich noch etwas anderes, eine solche Geschichte zu erzählen. Sogar noch skandalöser, wenn es die Geschichte des Sohnes eines hochrangigen US-Militär-Offiziers aus einer Politiker*innen-Familie abhandelt. In »Geschlossener Kreis« geht Jim auf die Suche nach einem engen Freund, mit dem er seine ersten homosexuellen Erfahrungen geteilt hat. Jim versucht ihn wiederzufinden, nachdem er als Marine-Soldat zur See ging. Die Reise führt ihn durch das glamouröse Hollywood und schließlich zu einem Ende, das einer Triggerwarnung bedarf.

Gore Vidal, der Autor des Buches (engl. The City and the Pillar) hat mit diesem Roman über Homosexualität in der Nachkriegszeit seine eigene Karriere als Politiker verspielt. Mit diesem einen aufsehenerregenden Roman war es jedoch nicht getan. Vidal schrieb später mit »Myra Beckingridge» eins der ersten Bücher über die Geschichte einer trans Frau, das 1970 unter gleichnamigem Titel sogar verfilmt wurde.

Leslie Feinberg: »Stone Butch Blues«

Von Emma Rotermund

Queere Kämpfe und Klassenkämpfe werden häufig gegeneinander ausgespielt – als spiele Klasse in der Unterdrückung queerer Menschen keine Rolle oder auch wahlweise: als sei Queerness eine luxuriöse Selbstbeschäftigung der oberen Mittelschicht.

Wer »Stone Butch Blues« von Leslie Feinberg, den Klassiker lesbischer und trans Literatur aus dem Jahr 1993, liest, wird schnell merken, dass diese Trennung Humbug ist.

Der Roman spielt im Zeitraum zwischen den 1950er und 1990er Jahren in den USA und erzählt die Geschichte von Jess Goldberg, einer jungen Butch aus einer jüdischen Arbeiter*innenfamilie. Schon als Kind findet sie sich nicht in den vorgesehenen Geschlechtskategorien wieder und fühlt sich häufig isoliert – diese Einsamkeit wird sich durch das Buch ziehen.

Für Jess eröffnet sich durch die Entdeckung von Lesbenbars eine neue Welt. Schnell wird sie unter die Fittiche einer älteren Butch genommen. Jess erlebt die Fürsorge und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft aus Lesben, trans Frauen und Drag Queens, die gleichzeitig von extrem viel Gewalt betroffen ist: Brutale Polizeirazzien an queeren Orten stehen, besonders in der Zeit kurz vor den Stonewall-Protesten, an der Tagesordnung. Die physische und sexualisierte Gewalt der Polizei gegen queere Menschen wird teilweise in all ihrer Grausamkeit beschrieben, was beim Lesen schwer zu ertragen ist. Die Traumata, die daraus bei Jess und ihrem Umfeld entstehen, und wie sie Beziehungen beeinflussen, ziehen sich durch das gesamte Buch.

Das Buch zeigt auch die Komplexität queerer Identitäten auf, etwa, wenn einige Butches anfangen Testosteron zu nehmen, nicht unbedingt, weil sie sich als trans verstehen, sondern um der Diskriminierung und Gewalt zu entgehen, die sie als Lesben erfahren.

Jess nimmt, wie viele andere Butches, einen Job in einer Fabrik an. Die miesen Arbeitsbedingungen bringen sie dazu, sich gewerkschaftlich zu organisieren. In den Arbeitskämpfen nimmt sie mit der Zeit eine zentrale Rolle ein: Nicht überraschend für Leslie Feinberg, die ebenfalls in Gewerkschaften aktiv war und deren letzte Worte »Remember me as a revolutionary communist« gewesen sein sollen.

Stilistisch ist der Roman eher einfach gestrickt, aber durch die klare, rohe Sprache entsteht auch eine Nähe zu den Protagonist*innen.

Weil Feinberg nicht wollte, dass jemand Profit aus dem Buch schlägt, kann man sich das Buch kostenlos auf der Website herunterladen – was sehr zu empfehlen ist.